„Ich habe mich von deinem Vater befreit und dachte, jetzt wird alles besser.“ Nach „Die Freiheit einer Frau“ kehrt Édouard Louis zur Geschichte seiner Mutter zurück. Zu einer Frau, die sich schon einmal befreit hat. Von Alkohol, Gewalt und Scham, vom Schweigen. Und deren Geschichte sich zu wiederholen droht, als sie eines Nachts den Sohn anruft, während ihr neuer Partner sie im Hintergrund rüde beschimpft. Schritt für Schritt plant der Sohn mit ihr den Ausbruch, ein neuer Anfang gelingt, aber wie geht das Leben weiter, wenn man Freiheit nie gelernt hat? Die mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnete Regisseurin Sara Ostertag inszeniert – erstmals am Hessischen Staatstheater Wiesbaden – die Fortschreibung der Geschichte von Monique Bellegueule.
Dabei lässt Ostertag Sprache, Musik und choreografische Elemente ineinandergreifen und zu ausdrucksvollen Bildern werden, welche die Gewalt und den Kampf um Befreiung körperlich erlebbar machen. Musik als auch Choreografie zitieren aus Werken (u.a. von Pina Bausch und DV8 Physical Company), die sich mit Extremerfahrungen von Weiblichkeit und Queerness auseinandersetzen und verweisen damit auf das Beispielhafte der Geschichte der Familie Belleguele.
Wieviele Frauen würden ein anderes Leben wählen, wenn man ihnen das entsprechende Geld überwiese?
Édouard Louis, aus "Monique bricht aus"
Inszenierung: Sara Ostertag
Bühne: Nanna Neudeck
Kostüme: Prisca Baumann
Licht: Oliver Porst
Sound: Simon Dietersdorfer
Choreografie: Myriam Lifka/Sara Ostertag
Dramaturgie: Sophie Steinbeck
Vermittlung: Valentina Eimer
Abendspielleitung / Regieassistenz: Philippe Roth
Kostümassistenz: Dongjin Park
Mit:
Jonas Grundner-Culemann
Evelyn M. Faber
Sybille Weiser
Klara Wördemann
Die 2017 mit dem Nestroy Preis ausgezeichnete Regisseurin Sara Ostertag macht auf der Bühne von Nanna Neudeck aus dem wortreichen, sozialkritischen Stoff einen bildstarken Theaterabend, der besonders von den Musik-, und Gesangseinlagen des vierköpfigen Ensembles lebt.
nachtkritik, 13 09 2025
Ostertag setzt auf starke Bilder, auf Musik, die zumal Jonas Grundner-Culemann als Sohn lässig vorträgt. Wie Richter erlaubt auch Ostertag eine leise Ironie, einen Witz in der Härte der Bilder, die sie auch dank einer gemeinsam mit Myriam Lifka entwickelten Choreographie erreicht. Außerdem hat sie mit Klara Wördemann, Sybille Weiser und Evelyn Faber, die Monique gemeinsam und in unterschiedlichen Lebensaltern verkörpern, ausgesprochen schlagfertige Darstellerinnen.
F.A.Z, 15 09 2025
Ostertag gelingt es, die Lebenshärten, die Louis beschreibt und während der Inszenierung mal in der Rolle des Erzählers, mal als unmittelbar Betroffener (Jonas Grundner-Culemann) einbringt, in eine intensive Bildsprache zu übertragen. Grausamkeit wird dabei nicht reproduziert, sondern im geschickten Zusammenspiel aus Farbgebung, Raum und Bewegung (Choreografie: Myriam Lifka) zu einem surrealen Ganzen verwoben.
Frankfurter Rundschau, 15 09 2025
Einmal mehr zeigt sich Ostertag, die sich auch als Dramaturgin von Florentina Holzinger einen Namen gemacht hat, als Spezialistin darin, Unsagbares nonverbal erfahrbar zu machen. In diesem Fall häusliche Gewalt, die nicht nur der Mutter des Autors Édouard Louis angetan wurde, sondern bereits vielen Frauen vorheriger Generationen. Davon zeugen die blutüberströmten Körper der grandiosen Schauspielerinnen Klara Wördemann, Sybille Weiser und Evelyn M. Faber.
Frankfurter Neue Rundschau, 15 09 2025